Was ist IPT ?

Was ist IPT?

Beschreibung

Interpersonelle Psychotherapie: ein evidenzbasierter, Leitlinien-empfohlener Ansatz zur Behandlung von Depressionen

Die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) nach Klerman und Weissman gehört laut einer neueren Metaanalyse (Cuijpers et al. 2011) zu den am umfassendsten untersuchten und wirksamsten psychologischen Depressionstherapien. Das Verfahren ist ursprünglich als Kurzzeitansatz (12-20 ambulante Einzelsitzungen von 50-minütiger Dauer) für die Akutbehandlung unipolar depressiver Episoden erstellt worden. Bei der weiteren Entwicklung der IPT erwies sich eine Erhaltungstherapie mit monatlichen Sitzungen über einen längeren Zeitraum als hilfreich. Zwischenzeitlich wurde das Modell auf der Grundlage fortgesetzter Forschung, aber auch einem wachsenden Bedarf im Gesundheitswesen erweitert und zur Behandlung depressiver Störungen über die gesamte Lebensspanne (Jugendliche und Ältere), in verschiedenen Formaten (per Telefon und Internet) sowie für transkulturelle Settings eingesetzt. Gerade für das letztere Feld wurde dieser schulenübergreifende Ansatz international auf eine Vielzahl an Gesundheitsberufen ausgedehnt (Psychiater, Psychologen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter bis hin zu trainierten Gesundheitscoaches), um die Lücke zwischen dem wachsenden Bedarf und dem mangelnden Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung zu verringern. IPT wurde außerdem erfolgreich modifiziert und evaluiert für andere psychische Erkrankungen wie bipolare Störungen, Essstörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen.

Behandlungsfokus
Die IPT setzt direkt an den belastenden interpersonellen Lebensbezügen des Betroffenen an. Das heißt der Behandlungsfokus liegt auf dem zwischenmenschlichen Kontext, in dem sich die depressive Episode entwickelt hat. Die klassischen evidenzbasierten Foki sind:

  • komplizierte Trauer,
  • Rollenwechsel,
  • interpersonelle Konflikte
  • Einsamkeit / Isolation i.R. sozialer Defizite.

In den letzten Jahren wurde außerdem ein fünfter Fokus „Arbeitsstress“ konzeptualisiert.

Das Ziel der Intervention liegt auf der Verbesserung der gegenwärtigen Interaktions- und Kommunikationsmuster des Patienten mit seinen Bezugspersonen sowie der Reduktion von zwischenmenschlichem Stress und dem Aufbau sozialer Unterstützung. Die Emotionen und Ressourcen des Patienten spielen dabei eine bedeutende Rolle.

Durchführung
Der Behandlungsablauf war zunächst in drei Abschnitte gegliedert, die jeweils störungsorientiert unterschiedliche Ziele verfolgen, z.B. akute Entlastung und Hoffnungsvermittlung in der ersten Behandlungsphase, emotionale und bewältigende Bearbeitung des vordergründigen Fokus in der mittleren Phase, Abschluss der Akuttherapie in der dritten Phase. Der Ablauf wird aufgrund der Datenlage (hohe Rückfallgefahr bei rezidivierenden Depressionen) seit einiger Zeit durch eine vierte Erhaltungstherapiephase ergänzt (Weissman et al. 2007). Es ergibt sich demnach folgender Ablauf (nach Schramm, 2010):

I Initiale Phase (1.–3. Sitzung): Auseinandersetzung mit der Depression

  • Diagnose erheben und den Patienten (und Angehörige) über die depressive Störung und das Rationale der IPT informieren, Notwendigkeit einer medikamentösen Behandlung abklären

  • Dem Patienten die Krankenrolle zuteilen, ihn entlasten und Hoffnung vermitteln

  • Die derzeitige depressive Episode in einen interpersonellen Kontext setzen

  • Im Behandlungsvertrag den Fokus (Trauer, Konflikte, Rollenwechsel, soziale Defizite oder Arbeitsstress) und die Therapieziele mit dem Patienten festlegen

  • Rollenerwartungen aneinander abklären

II Mittlere Phase (4.–13. Sitzung): Arbeit am Problembereich

  • Bearbeitung des Fokus durch angemessenes Betrauern des Verlustes, eine günstigere Anpassung an eine neue soziale Rolle, Klärung und Bewältigung von zwischenmenschlichen Konflikten, Aufbau neuer vertrauensvoller Beziehungen und/oder Herstellung einer Balance zwischen Leistungs- und Beziehungswerten

  • Die Bindungs- bzw. Beziehungsmuster, Kommunikationsstrategien sowie die Emotionen des Patienten stehen bei der Bearbeitung im Vordergrund

III. Beendigungsphase (14.–16. Sitzung): Abschied nehmen

  • Thematisieren des Therapieendes als Abschiedsprozess unter Berücksichtigung damit verbundener Emotionen (z. B. Traurigkeit, Angst, Wut, Ärger)

  • Zusammenfassung des in der Therapie Erlernten

  • Ausblick auf zukünftig zu bearbeitende Themen sowie Abklärung der Notwendigkeit weiterer Behandlung

IV. Erhaltungsphase (17.-30. Sitzung): Remission beibehalten

 

Techniken und Therapeutenrolle
Die in der IPT eingesetzten Therapietechniken sind größtenteils anderen Therapieformen entlehnt und zum Teil modifiziert. Im Vergleich zu anderen Psychotherapieformen wie z.B. der KVT ist die IPT weniger technik-, sondern vielmehr strategienorientiert. Im ersten Therapieabschnitt kommen hauptsächlich explorative, psychoedukative und Symptombewältigungstechniken zur Anwendung (wie z.B. Ermutigung, Ratschläge und positive Rückmeldung). In den beiden letzten Phasen der Behandlung stehen vorwiegend die Förderung von Einsicht, emotionales Lernen und zwischenmenschliche Problemlösung (z.B. Ausweitung eines Themas, Klärung, Ausdrücken und Akzeptieren negativer Gefühlszustände, Kommunikationsanalyse) im Vordergrund. Da der Ansatz auf plausiblen störungsorientierten Strategien und weniger auf spezifischen Techniken beruht, kann er mit Hilfe eines Therapiemanuals relativ schnell erlernt werden.

Die Gesprächsführung ist im klärungsorientierten Teil an das Vorgehen psychodynamischer Kurzzeittherapien, im bewältigungsorientierten Teil an verhaltenstherapeutische Methoden angelehnt. Die Haltung des Therapeuten ist dabei aktiv und unterstützend, stets explizit auf Seiten des Patienten (Advokatenrolle). Es ist die Aufgabe des Therapeuten die von Bowlby geforderte „sichere Basis“ aufzubauen, um dem Patienten eine angstfreie Erforschung seiner äußeren und inneren Welt zu ermöglichen.

Indikation und Kontraindikation
Der ursprüngliche Indikationsbereich der IPT bezog sich auf die Akutbehandlung ambulanter Patienten mit unipolar depressiven Episoden ohne psychotische Symptome. Bei stationär behandlungsbedürftigen bzw. schwer depressiven Patienten konnten mit der IPT in Kombination mit antidepressiver Medikation ebenfalls Erfolge erzielt werden (Elkin 1994; Luty et al. 2007; Schramm et al. 2007). Zur langfristigen Verhinderung erneuter depressiver Episoden nach Remission der Indexepisode erwies sich die zunächst als Kurzzeittherapie konzipierte Intervention allerdings nicht als ausreichend und wurde deswegen durch eine hinsichtlich der Behandlungsdauer modifizierte Version ergänzt (Frank et al. 1990, 2007). In internationalen Leilinien empfohlen wird die IPT auch bei Bulimie und Binge Eating Disorder, bei bipolaren Störungen, bei jugendlichen depressiven Patienten und in transkuturellen Settings (Ravitz & Watson, 2014). Auch bei der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung hat sich die Methode bewährt (Markowitz et al, 2015).

Kontraindiziert ist die Anwendung der IPT bei akut psychotisch depressiven, wahnhaften oder manischen Patienten. Das gleiche gilt, wenn zusätzlich zur Depression eine ausgeprägte Substanzabhängigkeit vorliegt. Außerdem wird von der alleinigen Anwendung dieser Therapieform bei schwer melancholisch Depressiven abgeraten. Bei Patienten mit einer „reinen“ Dysthymie (ohne major depressive Episoden), chronischer Depression sowie anorektischen Patienten erwies sich die Behandlung mit IPT als nicht hinreichend erfolgreich. Der Einsatz der Methode wird in den Leitlinien der APA (2010) besonders für Patienten mit psychosozialen Problemen sowie mit beruflichen oder partnerschaftlichen Schwierigkeiten empfohlen.