Das Coronavirus und das emotionale Wohlbefinden

Die COVID-19-Pandemie stellt für die Weltbevölkerung eine ernsthafte Gesundheitsbedrohung dar. Als Reaktion darauf setzen die Regierungen eine Reihe neuer Richtlinien um, darunter Selbstquarantäne, Selbstisolation und soziale Distanzierung. Diese neue Sozialpolitik kann jedoch viele der stabilisierenden Faktoren in unserem Leben beeinträchtigen, die die psychische Gesundheit unterstützen. Hierauf geht der englischsprachige Artikel von Brooks et al. (2020) im Journal "The Lancet" ein: Psychologische Auswirkungen von Quarantänemaßnahmen.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen warnt davor, dass besonders Personen mit psychischen Vorerkrankungen  durch die Einschränkung von Behandlungsangeboten außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt sind oder  tägliche Routinen nicht mehr eingehalten werden können: https://www.bapk.de/presse/aktuelles.html

Eines der wichtigsten Systeme die zum täglichen Wohlbefinden beitragen ist die innere biologische Uhr. Diese inneren Uhren synchronisieren unseren Körper und unser Verhalten mit dem 24-Stunden-Zyklus von Hell und Dunkel. Vorhersehbare Tagespläne und regelmäßige Routinen tragen dazu bei, dass die innere Uhr reibungslos läuft. Wenn unsere inneren Uhren reibungslos laufen, fühlen wir uns besser. Untersuchungen zeigen, dass gestörte innere Uhren mit verschiedenen körperlichen und geistigen Erkrankungen verbunden sind, darunter Depressionen, Diabetes, Fettleibigkeit und Krebs. Mehr dazu unter interpersonalpsychotherapy.org

Angesichts großer Umwälzungen in unserem Leben – wie sie durch die COVID 19-Pandemie verursacht wurden – haben unsere inneren Uhren viel größere Schwierigkeiten, regelmäßige biologische Rhythmen wiederherzustellen. Ohne die normalen sozialen Routinen von Arbeit, Kinderbetreuung und Geselligkeit kann das biologische Uhrensystem verwirrt oder aus dem Takt gebracht werden. Infolgedessen können negative körperliche Symptome auftreten. Länger andauernde Quarantäne kann zu Angstzuständen, gefolgt von Schlafproblemen, somatoformen Symptomen, depressiven Symptomen und anderen emotionalen Zuständen wie Einsamkeit, Müdigkeit und Unruhe führen. Auch körperliche Beschwerden wie Herzklopfen, Atemnot oder Engegefühl in der Brust können Ausdruck des emotionalen Stresses sein.

Die Forschung deutet darauf hin, dass Menschen mit depressiven oder bipolaren Störungen eine besonders empfindliche Körperuhr haben. Die innere Uhr der Betroffenen neigt eher dazu, den Überblick über die Zeit zu verlieren, wenn die üblichen Routinen gestört sind, als bei nicht betroffenen Personen. Eine gestörte innere Uhr kann zu einer Verschlechterung der Stimmungslage oder zu Stimmungsschwankungen führen.

In Zeiten von Stress kann es besonders wichtig sein, auf Routinen zu achten, um die eigene innere Uhr im Takt und die Stimmung stabil zu halten. Auch der Aufbau, die Pflege oder Verbesserung unterstützender sozialer Beziehungen – der sich die Interpersonelle Psychotherapie seit ihrer Entwicklung verpflichtet hat  – tragen maßgeblich zum Wohlbefinden bei. Denn wir wissen inzwischen: Einsamkeit kann krank machen.

Gute zwischenmenschliche Beziehungen tragen dagegen langfristig zum menschlichen Glücksempfinden bei, wie eine Harvard-Langzeitstudie herausfand: https://ideapod.com/75-year-harvard-study-revealed-one-important-factor-human-happiness. Enge Beziehungen und sozialer Zusammenhalt sind sogar die wichtigsten Prädiktoren für ein langes Leben. Darüber spricht Susan Pinker in einem TED-Talk auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=ptIecdCZ3dg.

Umso wichtiger scheint es, gerade jetzt, auch in der Psychotherapie, soziale Kontakte zu thematisieren und Patienten zu helfen, gute Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Dabei sehen sich Depressions-Patienten besonders in der aktuellen Coronavirus-Krise einer besonders schwierigen Situation ausgesetzt, denn alles Negative wird als vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt. Die Deutsche Depressionshilfe hat darum einen Leitfaden zusammengestellt, wie Betroffene selbst gegensteuern können: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/corona

Im Folgenden finden (nicht nur) IPT-Therapeut*innen eine Reihe von hilfreichen Dokumenten für ihre Patienten zum Umgang mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie.

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